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Partizipative Projekte aus dem Bereich der Japanologie

Japanische Baseball-Trainer im Anime: was erzählen sie uns von Japan?

Populärkultur ist kein Kinderkram, sondern ein Spiegel der Gesellschaft. Anime, Manga und Videospiele reflektieren soziokulturelle Aspekte und Diskurse. Setzt man sich also mit der Darstellung und den dahinterliegenden Konzepten auseinander gibt es in Anime so einiges zu entdecken. Ich habe die Trainer des Baseball-Anime Ace of the Diamond genau unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass Aufopferungsbereitschaft, die ja den Samurai nachgesagt wird, immer noch hoch im Kurs steht. Bushido, Baseball und das japanische Schulsportsystem – sie alle kommen im ‚Schmelztiegel‘ Sportanime zusammen und verraten dabei so einiges über die japanische Gesellschaft.

Was haben Bushido, Baseball, Schullehrer und Anime gemeinsam? Beim Begriff Bushido (auf Japanisch bushidō, übersetzt der „Weg des Kriegers“) denken wir zuallererst an Samurai. Die Ideologie des Bushido ist im Westen vor allem durch das gleichnamige Buch von Nitobe Inazō bekannt geworden. Ihm zufolge verkörpert der Samurai Werte wie Loyalität, Aufopferungsbereitschaft und bedingungslose Hingabe. Obwohl es sich dabei um eine romantisch-verklärte Darstellung der damaligen Kriegerelite handelt, hat dieses Bild sowohl im Westen als auch in Japan Fuß gefasst und wurde auch auf den Sport übertragen, insbesondere auf Baseball. Nicht umsonst heißt die japanische Baseball Nationalmannschaft „Samurai Japan“. Aber wie kam es dazu?

Baseball, das heute als japanischer Nationalsport gilt wurde 1872/73, nach der Landesöffnung in der Meiji-Zeit, von amerikanischen Lehrkräften nach Japan gebracht und an den damaligen Eliteschulen gespielt. Die Jugendlichen, die dort zur Schule gingen, waren Nachfahren ehemaliger Samurai und übertrugen deren Ideologie auf ihr Baseball-Spiel. Die Ausübung dieses Sports wurde dadurch mit diesen ‚traditionellen‘ Werten versehen. Im Laufe der Zeit formten sich aus den Sportclubs der Eliteschulen die heutigen extracurriculären Schulsportclubs (undō bukatsudō); die Werte der Samurai blieben in ihnen erhalten. Undō bukatsudō ist ein Konzept der Sportausübung, das es in Österreich so nicht gibt, denn diese Sportclubs sind keine privaten Vereine, sondern direkt an eine Schule gebunden. Das heißt, dass Trainings und Wettkämpfe an der jeweiligen Schule und zusätzlich zum regulären Sportunterricht stattfinden. Das Training wird jedoch häufig nicht von, speziell ausgebildeten Trainer*innen durchgeführt, sondern von engagierten Lehrkräften organisiert. Dabei geht es in diesen Schulsportclubs nicht nur um die Ausübung des Sports, sondern um ein „Lernen fürs Leben“. Die Betreuer*innen der bukatsudō sind somit auch „Lebenstrainer“, da sie den jungen Sportler*innen Verantwortungsbewusstsein, Anstand und andere für das Erwachsenenleben wichtige moralische Werte mit auf den Weg geben.

Auch die Trainer*innen, die in Sportanime dargestellt werden, vermitteln durch ihre Charakterzüge und durch ihr Verhalten bestimmte gesellschaftliche Werte. Diese sind allerdings nicht nur an die Sportler*innen in der fiktiven Animewelt gerichtet, sondern auch an die jugendlichen Zuseher*innen. Sieht man sich die Darstellung der Figuren und ihr Verhalten genauer an, und bezieht dabei auch die dahinter liegenden kulturellen Aspekte mit ein, verrät ein Anime so einiges über die japanische Kultur, Gesellschaft und deren Wandel.

Interessant ist, dass Baseball in den Sportanime die am häufigsten dargestellte Sportart ist; der Anime Ace of the Diamond ist einer davon. In meiner Bachelor-Arbeit habe ich die zehn darin vorkommenden Trainer genau unter die Lupe genommen und dabei herausgefunden, wie eng Bushido, Baseball und Schulsport zusammenhängen und was das über japanische Normen und Werte und deren Wandel aussagt. 

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