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Partizipative Projekte aus dem Bereich der Japanologie

The Iwakura Mission

Japan discovers the West. The Iwakura mission in Austria-Hungary.

On December 23rd 1871, a high-ranking Japanese delegation embarks on a journey from Yokohama to the USA and Europe. After the country’s opening after approximately 250 years of isolation, Japan wants to become acquainted with “the Western civilization,” gain know-how for the modernization of their own country and achieve a revision of the current unequal trade agreements it was forced to concur with. The Austrian-Hungarian mission arrives in May of 1873.

Japan’s departure into modernism with a grand cast

Education, law, medicine, military, industry and technology – the Japanese delegation is hoping for new insights in these areas, which are supposed to further their country’s modernization and development. For instance, there is no railroad in Japan at the time of the delegation’s departure. All the more exciting, therefore, are the rail connection between San Francisco and New York as well as the mountain railway across the Semmering. Led by the Ambassador Extraordinary and Plenipotentiary, vice president Tomomi Iwakura, the namesake of this mission, half of the government travels to twelve Western contracting member states. Among this group of 40 people are government officials, scholars, students and the chronicler Kunitake Kume (1839 – 1932). Kume’s extensive travel log is published in 1878. This contingent of people shows the great importance that Japan attributed to this endeavour, notes Japanologist and historian Peter Pantzer, professor emeritus at the University of Bonn.
With this mission, the leadership of the Meiji government was able to get an idea of the effects of modernization. In cooperation with his team, Peter Pantzer translated the passages regarding Germany, Austria and Switzerland from Kume’s travel log.

Text: Judith Brandner

Translation: Leonie Krösslhuber and Adam Gregus

Die Iwakura Mission

Japan entdeckt den Westen. Die Iwakura-Mission in Österreich-Ungarn

Am 23. Dezember 1871 bricht eine hochrangige japanische Delegation von Yokohama in die USA und nach Europa auf. Nach seiner Öffnung aus rund 250-jähriger Isolation will Japan „die westliche Civilisation“ kennenlernen, sich Know-How für die Modernisierung des Landes sichern und eine Revision der ungleichen Handelsverträge erreichen, in die es gezwungen worden ist. Im Mai 1873 trifft die Mission in Österreich-Ungarn ein. Das Urteil über Österreich fällt zwiespältig aus.


AUFBRUCH JAPANS IN DIE MODERNE MIT GROSSER BESETZUNG

Bildungswesen, Rechtswissenschaften, Medizin, Heereswesen, Industrie und Technik…auf diesen Gebieten erhofft sich die japanische Delegation neue Erkenntnisse, die die Modernisierung und Entwicklung ihres Landes voranbringen sollen. Als die Delegation wegfährt, gibt es in Japan z.B. noch keine Eisenbahn. Umso begeisterter ist man von der Bahnverbindung zwischen San Francisco und New York, aber auch von der Bergbahn über den Semmering.
Angeführt vom außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter, Vizeministerpräsident Iwakura Tomomi, nach dem die Mission benannt ist, reist die Hälfte der Regierung zu zwölf westlichen Vertragsstaaten. Mit dabei sind Regierungsbeamte, Gelehrte, Student*innen, und der Chronist Kume Kunitake (1839 – 1932), insgesamt über 40 Personen. Kumes ausführlicher Reisebericht erscheint 1878.

Dieses erstaunliche Aufgebot zeige die große Bedeutung, die Japan dem Unternehmen beimaß, meint der Japanologe und Historiker Peter Pantzer, emeritierter Professor der Universität Bonn. So konnte sich die Führungsspitze

Peter Pantzer, em. Prof. f. Japanologie, Übersetzer des Logbuches von Kume ins Deutsche

wirkt. Peter Pantzer hat die Passagen von Kumes Bericht über Deutschland, Österreich und Schweiz gemeinsam mit einem Team ins Deutsche übersetzt.

Wahrer Bericht über die Rundreise des bevollmächtigten Sonderbotschafters durch Amerika und Europa

Kume Kunitakes Reisebericht erscheint 1878 unter dem Titel特命全権大使米欧回覧実記  tokumei zenken taishi beiō kairan jikki (Wahrer Bericht über die Rundreise des bevollmächtigten Sonderbotschafters durch Amerika und Europa) und ist eine wichtige Quelle für die Forschung über die Beziehungen Japans zu den besuchten Staaten, so auch Österreich. Die einzelnen Länderkapitel beginnen mit allgemeinen, enzyklopädischen Einführungen zu Geografie, Geschichte, Politik, Gesellschaft und Kultur, die zeigen, wie akribisch man sich vorbereitet hat. Erklärte Aufgabe der Mission sei es gewesen, „…auch die noch zögerlichen Zeitgenossen an den Schaltstellen von Behörden und Politik von der unbedingten Notwendigkeit zu überzeugen, dass die Öffnung zum Westen der einzig gangbare Weg für Japans Zukunft wäre“, so Pantzer. Der Chronist Kume Kunitake kommt zum Schluss, dass die großen Länder nicht zu fürchten, und die kleinen nicht gering zu schätzen seien.



Die Regierung ist mehr als eineinhalb Jahre fort von zu Hause

„Unvorstellbar, dass die Hälfte unserer Regierung so lange auf Reisen wäre!“, meint Peter Pantzer: „Man fragt sich, was die andere Hälfte gemacht hat, die in Japan geblieben ist.“ Nun, man hatte einen Vertrag geschlossen, dass man sich gegenseitig auf dem Laufenden hält. Doch in Vor-Telefon und Vor-Internet Zeiten dauerte die Kommunikation lange. Es vergingen jeweils mehrere Wochen, bis eine Antwort da war.

© Peter Pantzer, Das Logbuch des Chronisten Kume Kunitake über den
Besuch der japanischen Sondergesandtschaft in den USA und Europa, 1871 – 1873
Das Logbuch im Antiquariat und ein Übersetzungstraum

Es war im Jahr 1968, als Peter Pantzer als junger Student den fünfbändigen Reisebericht von Kume Kunitake in einem Antiquariat in Tōkyō entdeckte und davon fasziniert war. Schließlich kaufte er die mit Illustrationen über viele Stationen der Reise versehenen Bände um die Hälfte seines monatlichen Stipendiums, und träumte davon, es zu übersetzen. Doch bis zur Realisierung sollten 25 Jahre vergehen. Seine deutsche Übersetzung Die Iwakura-Mission erscheint 2002 im iudicium Verlag München.

Peter Pantzer zeigt Japanologie-Student Alexander Pucher das Logbuch

Prof. em. Peter Pantzer, Japanologe, Historiker, Übersetzer und Hrsg. des Logbuchs über die Iwakura-Mission

Glanzvolle Schönheit der österreichischen Uniformen

Österreich-Ungarn ist die vorletzte Station der langen Reise. Da hat die japanische Delegation in den USA, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Deutschland und Skandinavien schon alles gesehen, was sie sehen wollte. Am meisten beeindruckt hat sie die Industrialisierung in den USA und Großbritannien. In Österreich hinterlassen vor allem die Semmeringbahn, das Heeresgeschichtliche Museum und die schicken Uniformen den größten Eindruck bei der japanischen Delegation.


Prof. em. Peter Pantzer, Japanologe, Historiker, Übersetzer und Hrsg. des Logbuchs über die Iwakura-Mission

Über die glanzvolle Schönheit der Uniformen („die prächtigsten in ganz Europa“ ) und die vorzüglich strukturierte Erzeugung von Heeresbekleidung für die k.u.k. Armee vergißt der japanische Chronist nicht, die dezidierte Feststellung zu treffen, daß die militärischen Anstrengungen zu wünschen übrig ließen, und zwar in einem „für ein zivilisiertes Land schandbaren Ausmaß“. (Kap.80, S.393) Pantzer: Die Iwakura-Mission, Einführung, Seite XXII



Zwiespältiges Urteil über Österreich

In Wien wohnen die Gesandten im Hotel Austria, das ihnen von der österreichischen Regierung zur Verfügung gestellt wird. Anmerkung Kume: Für Küche und Keller hatte die Delegation selbst zu sorgen. Es gibt ein durchaus ambitioniertes Programm zu Ehren der Gäste: Die Gesandtschaft nimmt an der Truppenrevue auf dem Exerzierplatz auf der Schmelz teil, die der Kaiser anläss- 

lich der Wiener Weltausstellung abhalten lässt; besucht die Weltausstellung, Kasernen, Produktionsstätten und die Schatzkammer in der Hofburg; Dokumente geben Auskunft über eine Einladung zur Tafel in Schönbrunn bei Seiner Majestät dem Kaiser, inclusive Musikprogramm, wie es im Text heißt, oder den Empfang durch Außenminister Julius Graf Andrássy. Und trotzdem hat Wien bei der Delegation offenbar keinen großen Eindruck hinterlassen.

Das Urteil, das Kume über Österreich fällt, ist ein sehr zwiespältiges. Vielleicht um Ausgewogenheit bemüht, wird beim Vergleich mit dem Deutschen Reich der Vorrang Österreichs in kulturellen Dingen unterstrichen. Es wird von einem wärmeren Wesen gesprochen, von einem Schönheitssinn, der in vielerlei Bereichen so in Berlin nicht anzutreffen gewesen wäre, von den Leistungen der Wissenschaft, namentlich im Ingenieurswesen und der Medizin; dann aber werden unmissverständliche Zensuren ausgeteilt, die über Österreich ein hartes Urteil fällen. (Pantzer: Die Iwakura-Mission, Einführung, Seiten XXI-XXIII)



Was missfällt der japanischen Delegation?

Zwar verfügt das Volk nur über beschränkten Elan und Erfindungsreichtum, doch wendet es sich gerne Neuerungen zu, bemerkt Chronist Kume Kunitake über die Österreicher. An mehreren Stellen in seinem Bericht gibt es Notizen zur Multikulturalität Österreich-Ungarns, die Kume als einen Nachteil für Österreich sieht: Daraus folgert die immense Schwierigkeit, in den einzelnen Ländern politisch einheitliche Ziele umzusetzen. Dem Land fehle ein einheitliches Gepräge, und die Tatsache, dass im Vielvölkerstaat in der Schule mehrere Sprachen verwendet werden müssen, sei für den Fortschritt hinderlich.



Nüchterne Bestandsaufnahme: Bericht der Iwakura-Mission spiegelt Interessen des Meiji-Staates wider

Mit dem Bericht der Iwakura-Mission liege eine sehr nüchterne Bestandsaufnahme dessen vor, was für den japanischen Staat und seine Politik zu Beginn der Meiji-Zeit gewesen sei, meint die Japanologin Ina Hein vom Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien. In ihrem Aufsatz „Von Lerneifer, Hassliebe und Desinteresse“ (Bachleitner, Ivanovic (Hg.): Nach Wien!/Wechselwirkungen Band 17/Seiten 118-124), kommt sie zum Fazit:

….Dass die Aufzeichnungen Kume Kunitakes über den Aufenthalt der Iwakura-Mission in Wien ganz klar die politischen Interessen der Meiji-Regierung widerspiegeln — sie sagen damit nicht so viel über das Wien der damaligen Zeit aus, sondern eher etwas über das sich gerade modernisierende Japan.

Stets im Hintergrund präsent sei die Frage nach der Fortschrittlichkeit bzw. dem Entwicklungsstand des bereisten Landes und somit nach der Verwertbarkeit für Japan, so Ina Hein.

Text: Judith Brandner
Mitarbeit: Alexander Pucher

The Image of Japan in Austrian Popular Music

 

No Edelweiss on Fujiyama

Geisha, cherry blossoms, sukiyaki, Fujiyama, Tōkyō, Yokohama, Nagasaki…those are only some of numerous stereotypes to be associated with Japan in the West, and which were used in popular music since the end of the 18th century. In Austria, Japan drew much attention with its presentation at the 1873 World Exposition in Vienna. Japonism found its place within the fine arts through Japanese motifs and styles. In the world of music, Japan was hyped through operas and operettas. Because of their popularity, Japanologist Sepp Linhart subsumes them under ‘popular music’. Emeritus Professor and Head of the Institute of Japanese Studies, Sepp Linhart, researched about Japan’s image in western popular music.

Due to the enormous success of operettas and operas such as ‘The Mikado’, ‘The Geisha’ or ‘Madama Butterfly’ (the most-performed opera worldwide) even more “Japan operettas” were created and “Japan songs” were written, having become very popular in the 1920s. They shaped our image of Japan. The 1920s and early 1930s were the heyday of Japanese popular songs, many of them composed by Austrians until the political situation terminated the production.  After 1945, Germany and Austria avoided Japan because of their alliance with Japan during World War II. This had impact on music production – as a topic, Japan did not exist at all. It was not until just before the 1960s that hits about Japan started appearing – utilizing old clichés and stereotypes. As Japan grew economically, her image in popular songs changed. In the 1980s, hit songs describe Japan as a “model” and as “Nr. 1”. There is even a reversion of the ‘Madama Butterfly-motif’ when western women sentimentally sing about Japanese men who deserted them… Sepp Linhart interprets this as a shift in paradigm.

 

Text: Judith Brandner

 

Das Japanbild in der österreichischen Populärmusik

Am Fudjiyama blüht kein Edelweiss

Das Japanbild in der westlichen Populärmusik, erforscht vom emeritierten Vorstand des Instituts für Japanologie, Sepp Linhart

Geisha, Kirschblüte, Sukiyaki, Fujiyama, Tōkyō, Yokohama, Nagasaki…das sind nur einige Begriffe, die im Westen mit Japan assoziiert und in der Populärmusik seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert verwendet werden. Japan war vor allem wegen seiner Präsentation bei der Wiener Weltausstellung 1873 hierzulande zur Jahrhundertwende ein Thema. Der „Japonismus“ in der bildenden Kunst arbeitete mit japanischen Motiven und Stilen. Musikalisch schlug sich die Japanbegeisterung zunächst in Operetten- und Opernwerken nieder. So beliebt waren diese, dass sie der Japanologe Sepp Linhart zur Populärmusik zählt. Die großen Erfolge von Operetten und Opern wie Der Mikado, Die Geisha oder Madama Butterfly (die meistgespielte Oper der Welt) führten zu weiteren Japan-Operetten, und zu singulären Liedern, wie sie in den 1920er Jahren überaus populär wurden. Für unser Japanbild waren sie prägend. Die 1920-er und frühen 1930-er Jahre waren eine Blütezeit der Japanschlager – viele davon von österreichischen Komponisten – ehe die Produktion durch die politische Lage gestoppt wurde. Nach 1945 hatten Deutschland und Österreich, die ja während des Zweiten Weltkriegs Verbündete Japans waren, zunächst Berührungsängste mit Japan. Das wirkte sich auch in der Musikproduktion aus. Japan kam nicht vor…

Erst in den 1960-er Jahren wurde Japan in Schlagern wieder besungen – mit den alten Klischees und Stereotypen. Mit dem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Japans wandelte sich das Japanbild in den Songs. Vor allem in den 1980-er Jahren entstehen Popsongs, die Japan als Vorbild und als Nummer 1 sehen. Sogar das Madama Butterfly-Motiv wird umgekehrt – westliche Frauen singen traurig von japanischen Männern, die sie verlassen haben. Der Japanologe Sepp Linhart spricht von einem Paradigmenwechsel.

Text: Judith Brandner

Die Autorin hat über diese Forschungen von Prof. em. Sepp Linhart die Radiosendung „Am Fudschiyama blüht kein Edelweiss. Das Japanbild in der westlichen Populärmusik“ gestaltet. Die vierteilige Sendung wurde vom 04. bis 07.09.2017, jeweils um 09:45 Uhr, auf Ö1 ausgestrahlt.

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