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Partizipative Projekte aus dem Bereich der Japanologie

16. November 2022  von Melissa Gatterbauer

Bulimie im Anime „18if“ – Essstörungen in Japan

Essstörungen gelten als eine der gravierendsten mentalen Erkrankungen mit den höchsten Sterberaten. Besonders die Bulimie („Ess-Brech-Sucht“) birgt große Gefahren. Betroffene sind vor allem junge Frauen. Der Anime „18if“ versucht möglichst genau widerzuspiegeln, wie Bulimie für Erkrankte eine mentale und körperliche Belastung darstellt. So wird die Figur Airi das Hauptobjekt meiner Forschung und soll Parallelen zur realen Problematik in der japanischen Gesellschaft aufzeigen.

Die Bulimie (jap.: shinkeisei taishokushō) ist ein Wegbereiter für ein Dasein voller Angst, Depressionen und sozialer Abstinenz. Erkrankte wissen oftmals keinen Ausweg. Bulimie gilt nach wie vor als Tabuthema in Japan und kommt in der japanischen Populärkultur daher kaum vor.  Doch es gibt auch Ausnahmen: Wie ich in einer wissenschaftlichen Arbeit aufzeigen konnte, kommt das Thema in einem Beispiel vor, im japanischen Anime „18if“ des Animationsstudios GONZO. Dieser nimmt sich vieler, verschiedenster gesellschaftlicher Problematiken an (Depression, Mobbing, etc.) und visualisiert diese jeweils in einer Episode. Mittels Filmanalyse wurden zunächst zwei aussagekräftige Szenen objektiv festgehalten. Dann habe ich durch eine tiefgründige Analyse versucht, versteckte Botschaften zu entdecken.

Eine Szene widmete sich hierbei konkret der Figur Airi – Protagonistin ist eine weibliche Bulimikerin. Aufgrund der Bemängelung ihres Ex-Freundes, dass sie nicht dünn genug sei, entwickelt Airi ein kritisches Selbstbild. Trotz ihrer schlanken Figur sieht sie sich selbst als ungenügend grazil und ertränkt ihren Kummer in ausgearteten Essattacken: Ein leergeräumter Kühlschrank mit Massen an Verpackungen am Boden zu nächtlicher Stunde und tausende Kalorien verschlungen innerhalb eines kurzen Zeitraums. Und dann, die „Reinigung“. Als Versuch, durch die aufgenommene Kalorienzufuhr nicht zuzunehmen, wird kurzerhand durch einen Finger im Hals der Brechreiz ausgelöst und das Geschehene im Badezimmer ungeschehen gemacht. Im Film wird Airi mit Tränen in den Augen in einem schlecht beleuchteten Raum dargestellt. Melancholische Klavierklänge untermalen zudem ihren mental schlechten Zustand. 

Im Gegensatz dazu wird Airi in der zweiten Szene als „Hexe der Völlerei“ in Form eines kunterbunt angezogenen Kleinkindes gezeigt. Ihre Traumwelt in ebenfalls farbenfrohem Design ist voll von Essen und kalorienreichen Speisen. Mit einem Lächeln im Gesicht erfreut sie sich der Tatsache, dass sie essen kann, was sie will – eine Andeutung auf ihre Kindheit, wo sie unbesorgt die Gerichte ihrer Großmutter genoss. In Erinnerung an die zuvor beschriebene Szene verzieht sich jedoch ihr froher Blick zu einem ausdruckslosen Starren. Nun scheint sich Airi nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee sei zu essen, was man will. Daraufhin geht die verspielte Hintergrundmusik in eine dramatische Musik über und die Welt wird durch ein Erdbeben erschüttert.

Die Parallelen zu japanischen Bulimikerinnen im realen Kontext (beschrieben in wissenschaftlicher Sekundärliteratur) sind eindeutig: Der Wunsch, einen kindlichen Körper beibehalten zu können (um die sorgenlose Vergangenheit zu rekonstruieren), die Fetischierung junger Frauen mit kindlich-jugendlichem Körper in der Gesellschaft; die Vorgabe, nicht zu viel zu essen und so die Schlemmerei im Geheimen abhalten zu müssen, etc. Bulimie generell findet hier besonderen Ausdruck durch die typische kalorienreiche Essensaufnahme und die häufig angewandte Form der „Wiedergutmachung“ durch Erbrechen. 

Als Ergebnis dieser Forschung konnte ich feststellen, dass es der nur ca. 24 Minuten dauernden Episode gut gelungen ist, das japanische Leidensbild von Bulimikerinnen ziemlich genau wiederzugeben.  Der Anime ist somit ein Beispiel dafür, dem Publikum dieses heikle Thema einfühlsam, aber ohne zu kaschieren näherzubringen. 

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