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Partizipative Projekte aus dem Bereich der Japanologie

17. November 2022  von Robert Larcher

Kitsune-tsuki: Zwischen Volksglauben und psychischer Krankheit

Geister, Dämonen und spirituelle Wesen – im japanischen Volksglauben spielen diese Erscheinungen, welche weitläufig als yōkai bekannt sind, eine wesentliche Rolle. Kitsune-tsuki oder auch Fuchsbesessenheit ist eines von vielen Phänomenen und lässt sich in literarischen Werken bis in das 8. Jahrhundert zurückverfolgen. Doch wurde dieses Phänomen nicht immer nur als Volksglaube wahrgenommen und sollte später auch mit psychischer Erkrankung in Verbindung gebracht werden.

Auch heute noch haben yōkai (jap. 妖怪) eine hohe Bedeutsamkeit in der Kultur Japans. Besonders gut erkennen lässt sich dies in Werken der japanischen Populärkultur, wie unter anderem Anime und Manga. Die Herkunft verschiedenster yōkai ist häufig mit Legenden verbunden und ihre Anzahl und Vielfältigkeit im japanischen Volksglauben ist ausgesprochen groß. Auch die Verbindung mit Religion ist nicht ungewöhnlich, im Gegenteil, häufig sogar eng mit deren Ursprung verknüpft. Durch ihre Geschichten, Berichte und künstlerische Darstellungen, wie etwa Bilder, können durch sie Interpretationen und wichtige Verknüpfungen zur Kultur Japans in bestimmten Perioden hergeleitet werden.

Einer von vielen yōkai sind kitsune (jap. 狐), was eigentlich Fuchs bedeutet, aber in diesem bestimmten Zusammenhang vielmehr mit Fuchsgeistern übersetzt werden kann. Diese Fuchsgeister sind häufig dafür bekannt, Besitz von Menschen zu ergreifen. Dieses Phänomen wird kitsunetsuki genannt. Das Zeichen für tsuki (jap. 憑) bedeutet so viel wie „beherrschen“ und wird im Kontext von Besessenheit verwendet. Im japanischen Volksglauben gibt es jedoch nicht nur Füchse, welche Besitz von Menschen ergreifen, sondern beispielsweise auch tanuki (Marderhunde).

In der Forschungsarbeit wurden verschiedene historische Texte, Legenden und Berichte zu kitsunetsuki analysiert. Bereits im japanischen Altertum (4. Jh.–12. Jh.) lassen sich Texte mit Bezug auf kitsunetsuki finden, wie beispielsweise im außerordentlich bekannten Genji monogatari, welches von Murasaki Shikibu geschrieben wurde. Rache, Gerechtigkeit oder auch Wiedergeburt stehen oftmals im Vordergrund der (traditionellen) Geschichten und Legenden rund um das Phänomen. Im japanischen Mittelalter (12. Jh.–16. Jh.) kamen zudem darstellende Künste wie nōh und kyōgen hinzu, welche kitsunetsuki in ihre Aufführungsstücke mit einbezogen. Weiters fanden kitsune in der japanischen Neuzeit (16. Jh.–19. Jh.) im Inari-Glauben an besonders hohe Bedeutung.

Einen sichtbaren Umschwung der Sichtweise von kitsunetsuki als reinem Volksglauben gab es jedoch vermehrt in der späten Edo-Zeit. Zwar gab es Ansätze von kitsunetsuki als „Krankheit“ bereits im japanischen Altertum, jedoch wurde das Phänomen zur späten Edo-Zeit vermehrt aus dem Standpunkt der Psychiatrie betrachtet und folglich mit psychischer Krankheit in Verbindung gebracht.

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