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Partizipative Projekte aus dem Bereich der Japanologie

16. November 2022  von Rabia Deveci

Ukraine-Krieg prolongiert Konflikt um die Kurilen-Inseln – Kein Friedensvertrag zwischen Japan und Russland

Obwohl seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bereits 77 Jahre vergangen sind, haben Japan und Russland bislang noch keinen Friedensvertrag abgeschlossen. Einer der Gründe dafür ist der Territorialstreit zwischen den beiden Ländern um die Kurilen-Inselkette, die sich zwischen der nördlichen Küste Japans und der südlichen Küste Russlands befindet. Im Zuge meiner Forschung habe ich eine Diskursanalyse der Berichterstattung in der Asahi Shinbun (japanische Tageszeitung) über den Territorialstreit um die Kurilen-Inseln seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine geführt. Nachdem Russland der Ukraine am 23.Februar 2022 den Krieg erklärte, beschloss Japan sich den USA und der EU anzuschließen und Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Als eine Antwort auf diese Sanktionen verkündete das russische Außenministerium am 21. März 2022, dass die Friedensverhandlungen von diesem Zeitpunkt an angehalten werden.

Die Kurilen sind eine Inselkette, die sich zwischen der nördlichen Grenze Japans und der südöstlichen Grenze Russlands befindet. Die erste offizielle Grenze, auf die sich beide Länder geeinigt hatten, wurde durch Vertrag von Shimoda, im Jahr 1855 festgelegt. Diese Grenze lag zwischen den Inseln Etorofu und Urup. Durch diese Grenzziehung fielen die vier südlichen Kurilen-Inseln Habomai, Shikotan, Kunashiri und Etorofu in den Bereich des japanischen Territoriums. Da diese Grenzlinie die erste offiziell dokumentierte Grenze zwischen den beiden Ländern ist, werden die vier Inseln von der japanischen Regierung als japanisches Hoheitsgebiet erachtet.

Zurzeit befinden sich die vier Inseln und die gesamte Inselkette allerdings in russischem Besitz. Die japanische Regierung bezeichnet diese Besetzung als illegal, weil Russland im Jahr 1945 begann die Inseln zu erobern – trotz des Neutralität-Paktes zwischen den beiden Ländern und dem Verbot der Eroberungen von Grund und Boden der auch von Russland anerkannten Atlantik Charta aus dem Jahr 1941. Darauffolgend wurden die Kurilen Inseln im Jahr 1946 in das russische Territorium aufgenommen. Der Territorialstreit, in welchem Japan sein Hoheitsgebiet beansprucht, entwickelte sich als Folge dieser Ereignisse und ist auch ein wichtiger Grund dafür, dass beide Länder noch keinen Friedensvertrag unterzeichnet haben.

Mein Forschungsziel war es zu ermitteln, auf welche Art und Weise in der Asahi Shinbun über den Territorialstreit um die Kurilen-Inseln berichtet wurde, welche Akteur*innen aufgetreten sind, und welche Themen und Argumente angeführt wurden. Ein weiterer bedeutender Punkt war es zu ermitteln, ob der Krieg in der Ukraine dabei eine Rolle spielte. Aus den Forschungsergebnissen konnte ich herausfinden, dass der Krieg in der Ukraine tatsächlich eine Rolle spielte. Mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine beschloss Japan nämlich mit den USA und der EU zusammenzuarbeiten und gegen Russland Sanktionen zu verhängen. Diese Zusammenarbeit ist ein wichtiges Ziel des gegenwärtigen Premierministers Kishida Fumio. Als Antwort auf diese Sanktionen gab das russische Außenministerium am 21. März 2022 bekannt, dass man die Friedensverhandlungen mit Japan nun nicht mehr weiterführen würde. Das löste eine Welle von Enttäuschung in der japanischen Regierung, aber auch unter der Bevölkerung aus.

In der Bevölkerung sticht die Stimme einer Gruppe besonders hervor, nämlich die der ehemaligen Inselbewohner*innen, die einst auf den Kurilen lebten und aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Ihr Leid ist besonders groß, denn neben dem Aussetzen der Friedensverhandlungen hat die russische Regierung auch die Visafreiheit, die sie sich nach langen Bestrebungen erkämpft hatten, aufgehoben. Die Visafreiheit ermöglichte es ihnen, die Inseln zu besuchen. Insbesondere der Besuch der Gräber ihrer Ahnen ist für sie von großer Bedeutung, weshalb sie einen Appell an die japanische Regierung gerichtet haben, eine Lösung zu suchen. Leider sind die meisten der ehemaligen Inselbewohner*innen in hohem Alter, weshalb viele darüber besorgt sind, die Inseln vor ihrem Tod nicht mehr besuchen zu können. Aus diesem Grund ist der Druck auf die japanische Regierung derzeit besonders groß.

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