japan
projects

Partizipative Projekte aus dem Bereich der Japanologie

Bar der singenden Mönche

In Japan findet Buddhismus neue Wege, um die junge Generation oder neue Anhänger*innen anzusprechen. Gegen das dunkle Image, Buddhismus sei nicht für Lebendige da, versuchen sich die heutigen Mönche in einer kleinen gemütlichen Bar in dem bekannten Tokyoter Bezirk Shinjuku, durchzusetzen. Hier werden den Gästen Drinks direkt von echten Mönchen serviert und jedem steht die Möglichkeit frei, mit den Mönchen auch buddhistische Sūtren zu lesen und über Buddhismus und Tätigkeiten der Mönche mehr zu erfahren. In dem intimen Licht der kleinen Bar, mit einem Sake in der Hand kann die Religion plötzlich nicht mehr so düster wirken.

Jeder von uns kennt, wie sich die Religion in der Welt heutzutage verbreitet. Sind es Menschen stillstehend, oder auch direkt ansprechend mit unterschiedlichen Pamphleten, oder die offenen Kirchen, Moscheen, so wie direkter Einfluss der Familie. In der Kirche sind Musikstücke berühmter Komponisten oft ein fester Bestandteil der Sonntagsmesse, in der Populärkultur ist Gospel bekannt und mit der Modernisierung breitet sich die Religion auch im Internet aus. Wie wird aber Religion in Japan verbreitet? Buddhismus generell bekam in den letzten Jahrzehnten, eher ein dunkles Image, weil der Besuch eines Tempels in den meisten Fällen ausschließlich mit einem Begräbnis verbunden wird, oder mit einem Altar der Vorfahren in der eigenen Wohnung (butsudan). Um das Image zu modernisieren und an das Volk zu bringen, kommen die Mönche mit besonders innovativen und originellen Ideen hervor.

In Tokyo, der Hauptstadt Japans, gibt es seit einigen Jahren einen ganz außergewöhnlichen Ort. Eine Bar, versteckt nicht weit von der Metrostation Yotsuya, in einem schmalen Gebäude im zweiten Stock, die ausschließlich von buddhistischen Mönchen unterschiedlicher Sekten geführt wird. Hier können die Gäste sich mit diesen Mönchen über Buddhismus austauschen, aber auch direkt an der Praktizierung der Religion teilnehmen! Jeden Abend können alle, die gerade in der Bar anwesend sind, buddhistische Sūtren unter der Leitung einer der Mönche lesen. Wenn man kein Japanisch spricht, ist es ebenfalls kein Problem. Die Mönche sind mit einer englischen Version ausgerüstet. Schüchtern braucht man auf keinen Fall zu sein. Die Mönche bereiten mit einem angenehmen Lächeln den Drink zu und ganz ungezwungen reden sie mit den Gästen über Buddhismus, das Leben, oder leihen den Problemen der Gäste ein Ohr. Mit der gemütlichen Atmosphäre zeigen sie somit ein völlig anderes Gesicht des Buddhismus. Die Mönche nutzen nicht nur die Bar als ihre Plattform. Die Bühne und Musik sind für sie ebenfalls einer der Wege, wie sie neue Anhänger*innen ansprechen wollen.

Sommer, Sonne, Strand und Heer – Das US-Militär in Okinawa

Okinawa, das Hawaii Japans. Es sind jedoch nicht nur die weitläufigen Strände und das kristallklare, türkis-blaue Pazifikmeer, die die Gemeinsamkeiten der Inseln ausmachen; der US-Marinestützpunkt Pearl Harbor in Hawaii beherbergt weiterhin das Hauptquartier der U.S. Navy, und in Okinawa befinden sich aktuell 31 US-Militärbasen. Obwohl die Präfektur 1972 von den USA an Japan zurückgegeben wurde, besteht die Militärpräsenz der Vereinigten Staaten auf der japanischen Inselkette weiter. Ortsansässige suchen Gehör und demonstrieren gegen neue Bauten und die Umsiedlung von Militäreinrichtungen in Naturschutzgebiete. Sogar in einem Videospiel wurde die Problematik aufgegriffen.

Ein 50-Jahr-Jubiläum nach 27 Jahren der Besatzung, 31 aktive Militärstützpunkte, und 70 Prozent der US-Militärpräsenz in Japan – das ist eine Formel mit vielen Variablen. Der Konflikt um die zahlreichen US-Militärbasen auf der Inselgruppe Okinawa ist noch längst nicht gelöst.

Das Status of Forces Agreement, kurz SOFA, wurde am 19. Januar 1960 von Japan und den USA unterzeichnet, um den Rahmen für die fortlaufende militärische Zusammenarbeit beider Länder festzulegen. Dabei ist dessen Auslegung—im Gegensatz zu anderen Abkommen, die dem Zweiten Weltkrieg folgten, etwa zwischen den USA und Deutschland oder Italien—so gestaltet, dass Japan kaum Möglichkeiten besitzt, die Aktivitäten des US-Militärs zu kontrollieren oder zu regulieren. Am 17. Juni 1971 wurde der Vertrag zur Rückgabe von Okinawa an Japan in Washington, D.C. und Tokyo unterschrieben. Davor nutzten die USA fast dreißig Jahre lang ihre verbliebene Besatzungsmacht in der südlichsten Präfektur Japans, um ihre Militärpräsenz im Pazifik auf- und auszubauen.

Die Präfektur Okinawa, ihre zahlreichen Inseln, machen nur einen Bruchteil der gesamten Landesfläche Japans aus und beherbergen weniger als 1% der japanischen Bevölkerung. Dennoch befinden sich dort zurzeit immer noch mehr als 70% der in Japan vorhandenen US-amerikanischen Militärstützpunkte. Die US-Militärpräsenz steht im Konflikt mit Umwelt- und Naturschutz, aber auch wirtschaftliche Interessen, wie die Möglichkeit, Okinawa als Tourismusstandort auszubauen, werden von der Anwesenheit von U.S. Air Force, Navy, und Marine Corps überschattet. Vor allem der jahrzehntelange Konflikt um die Verlegung des Militärstützpunkts Futenma—zuletzt nach Henoko, in der Bucht Ōura—ist ein großer Streitpunkt. Das Zentrum der Handlung im Videospiel Yakuza 3, das im März 2009 in Japan auf den Markt kam, stellt ebenfalls das Tauziehen um den Bau einer weiteren US-Militärbasis dar.

Okinawa steht nur selten im Mittelpunkt der Handlung von Filmen, Büchern oder Videospielen, und oft wird bloß die Tourismusregion, der idyllische Urlaubsort, dargestellt. In Yakuza 3 werden jedoch auch die konfliktreichen Umstände—die Verlegung Futenmas, die Kandidaturen und Wahlkämpfe zum Premierminister, und die Position der USA—in fiktiven Rollen wiedergegeben. Dem Bau einer Ferienanlage wird die Installation eines Raketenabwehrsystems an einer neuen US-Basis entgegengestellt. Dadurch sieht sich die Anwohnerschaft nahe dem fiktiven Downtown Ryukyu um Haus und Hof bedroht.

Interesse an einem wirtschaftlich und gesellschaftlich blühenden Okinawa bekundete sowohl der ehemalige Premierminister Yukio Hatoyama in seiner Wahlkampf- und Amtszeit in den 2000ern, als auch die Politiker im Videospiel. Auch wenn die zu errichtende US-Militärbasis in Yakuza 3 keinen Namen trägt, so gleichen die Bilder demonstrierender Massen im Spiel jenen der Proteste gegen die Verlegung von Futenma.

In der Forschungsarbeit wurden Ausschnitte aus dem Videospiel mit Szenen der Demonstrationen und Proteste gegen eine Umsiedelung der Marine Corps Air Station Futenma verglichen.

Manga und Anime – Die Jugend im Visier der japanischen Selbstverteidigungskräfte

Die Werbespots der JSDF – Ein „cooles“ Militär?

Die japanischen Selbstverteidigungskräfte nutzen seit über fünfzehn Jahren die Medien der Populärkultur (Manga und Anime) zu Informations- und Rekrutierungszwecken, die Kinder und Jugendliche dezidiert als Ziel haben. Neben einem jährlich erscheinenden Manga existiert auch ein kurzer Anime. Die gezeigten Inhalte setzen stark auf den üblichen Niedlichkeitsfaktor (kawaii) der mit Manga und Anime assoziiert wird, um militärische Inhalte zu erklären und auch um mögliche Bedrohungen auf Land und Gesellschaft darzustellen. In Japan kommen die Medien in der Jugend offensichtlich gut an, und erfüllen ihren Zweck.

Landesverteidigung als Kinderspiel

Viele von uns haben sie schon einmal gesehen. Niedliche Gestalten mit bunten Frisuren, großen Augen und nettem Auftreten. Die weltweit bekannten Zeichenstile, die in den japanischen Comics (Manga) sowie Videoproduktionen (Anime) Anwendung finden. Ob in Österreich oder Japan selbst, viele Kinder und Jugendliche erfreuen sich an den Medien der japanischen Populärkultur.

Eben jene Beliebtheit ist es, die sich auch von Behörden zu Nutze gemacht wird. Ob Warnschildern bei U-Bahnen, Gebrauchsanleitungen bei technischen Geräten sowie bei öffentlichen Aussendungen von Regierungsbehörden – Manga in Japan sind keineswegs nur etwas für Kinder. Das japanische Militär (JSDF) setzt hierbei seit Jahrzehnten auf die beliebten Comics als Mittel der Selbstdarstellung und Präsentation gegenüber der japanischen Jugend. Und dies durchaus mit breitem Arsenal – neben einem jährlich erscheinenden Manga (manga de yomu bōeihakushō) existiert auch ein eigens vom Verteidigungsministerium produzierter Anime-Kurzfilm. Ganz dem Zielpublikum entsprechend, werden die Rollen und Aufgaben der JSDF von dem kugelrunden Vogelrobotor „Boemon“ in kindgerechter, einfacher Sprache vermittelt. Doch auch ernstere Themen werden in den Publikationen zur Sprache gebracht. Die Bedrohung von Cyberkriminalität sowie die Gefahren von digitalen Hackerangriffen soll schon die Kleinsten dazu bewegen, sorgsam mit ihren Daten im Internet umzugehen.

Neben den informativen Aspekten stehen selbstverständlich auch die Rekrutierungsabsichten. Offizielle Zahlen hinsichtlich Wirkung der militärischen Manga lassen sich freilich nur schwerlich ausmachen. Da die Mitgliederanzahl der JSDF trotz überalteter Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten konstant geblieben ist, kann man annehmen, dass die tarnfarbenen Büchlein und Filme rund um Vogelroboter „Boemon“ ihren Teil dazu beigetragen haben. Übrigens: Wen nun die Leselust gepackt haben sollte, die Anime und Manga sind sowohl in japanischer als auch englischer Sprache auf der Webseite des japanischen Verteidigungsministeriums verfügbar.

Ukraine-Krieg prolongiert Konflikt um die Kurilen-Inseln – Kein Friedensvertrag zwischen Japan und Russland

Obwohl seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bereits 77 Jahre vergangen sind, haben Japan und Russland bislang noch keinen Friedensvertrag abgeschlossen. Einer der Gründe dafür ist der Territorialstreit zwischen den beiden Ländern um die Kurilen-Inselkette, die sich zwischen der nördlichen Küste Japans und der südlichen Küste Russlands befindet. Im Zuge meiner Forschung habe ich eine Diskursanalyse der Berichterstattung in der Asahi Shinbun (japanische Tageszeitung) über den Territorialstreit um die Kurilen-Inseln seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine geführt. Nachdem Russland der Ukraine am 23.Februar 2022 den Krieg erklärte, beschloss Japan sich den USA und der EU anzuschließen und Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Als eine Antwort auf diese Sanktionen verkündete das russische Außenministerium am 21. März 2022, dass die Friedensverhandlungen von diesem Zeitpunkt an angehalten werden.

Die Kurilen sind eine Inselkette, die sich zwischen der nördlichen Grenze Japans und der südöstlichen Grenze Russlands befindet. Die erste offizielle Grenze, auf die sich beide Länder geeinigt hatten, wurde durch Vertrag von Shimoda, im Jahr 1855 festgelegt. Diese Grenze lag zwischen den Inseln Etorofu und Urup. Durch diese Grenzziehung fielen die vier südlichen Kurilen-Inseln Habomai, Shikotan, Kunashiri und Etorofu in den Bereich des japanischen Territoriums. Da diese Grenzlinie die erste offiziell dokumentierte Grenze zwischen den beiden Ländern ist, werden die vier Inseln von der japanischen Regierung als japanisches Hoheitsgebiet erachtet.

Zurzeit befinden sich die vier Inseln und die gesamte Inselkette allerdings in russischem Besitz. Die japanische Regierung bezeichnet diese Besetzung als illegal, weil Russland im Jahr 1945 begann die Inseln zu erobern – trotz des Neutralität-Paktes zwischen den beiden Ländern und dem Verbot der Eroberungen von Grund und Boden der auch von Russland anerkannten Atlantik Charta aus dem Jahr 1941. Darauffolgend wurden die Kurilen Inseln im Jahr 1946 in das russische Territorium aufgenommen. Der Territorialstreit, in welchem Japan sein Hoheitsgebiet beansprucht, entwickelte sich als Folge dieser Ereignisse und ist auch ein wichtiger Grund dafür, dass beide Länder noch keinen Friedensvertrag unterzeichnet haben.

Mein Forschungsziel war es zu ermitteln, auf welche Art und Weise in der Asahi Shinbun über den Territorialstreit um die Kurilen-Inseln berichtet wurde, welche Akteur*innen aufgetreten sind, und welche Themen und Argumente angeführt wurden. Ein weiterer bedeutender Punkt war es zu ermitteln, ob der Krieg in der Ukraine dabei eine Rolle spielte. Aus den Forschungsergebnissen konnte ich herausfinden, dass der Krieg in der Ukraine tatsächlich eine Rolle spielte. Mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine beschloss Japan nämlich mit den USA und der EU zusammenzuarbeiten und gegen Russland Sanktionen zu verhängen. Diese Zusammenarbeit ist ein wichtiges Ziel des gegenwärtigen Premierministers Kishida Fumio. Als Antwort auf diese Sanktionen gab das russische Außenministerium am 21. März 2022 bekannt, dass man die Friedensverhandlungen mit Japan nun nicht mehr weiterführen würde. Das löste eine Welle von Enttäuschung in der japanischen Regierung, aber auch unter der Bevölkerung aus.

In der Bevölkerung sticht die Stimme einer Gruppe besonders hervor, nämlich die der ehemaligen Inselbewohner*innen, die einst auf den Kurilen lebten und aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Ihr Leid ist besonders groß, denn neben dem Aussetzen der Friedensverhandlungen hat die russische Regierung auch die Visafreiheit, die sie sich nach langen Bestrebungen erkämpft hatten, aufgehoben. Die Visafreiheit ermöglichte es ihnen, die Inseln zu besuchen. Insbesondere der Besuch der Gräber ihrer Ahnen ist für sie von großer Bedeutung, weshalb sie einen Appell an die japanische Regierung gerichtet haben, eine Lösung zu suchen. Leider sind die meisten der ehemaligen Inselbewohner*innen in hohem Alter, weshalb viele darüber besorgt sind, die Inseln vor ihrem Tod nicht mehr besuchen zu können. Aus diesem Grund ist der Druck auf die japanische Regierung derzeit besonders groß.

Sprechen Sie Japanisch? – Rollensprache in Manga und Anime

Viele Charaktere in Anime und Manga haben eine ganz eigene Art zu sprechen, die sich stark von der Alltagssprache der Japaner*innen unterscheidet. Gleichzeitig gibt es ein unausgesprochenes Verständnis bei Muttersprachler*innen, dass diese Sprachstile Auskunft über Merkmale eines Charakters geben. Daher fasst man diese Sprachstile unter dem Begriff der ‚Rollensprache‘ zusammen. Lange Zeit wurde zu diesen Sprachstilen in Japan nicht geforscht, was es umso interessanter macht einen näheren Blick auf sie zu werfen.

Den ersten Kontakt mit der japanischen Sprache stellen heute für viele Lernende der Japanischen Sprache pop-kulturelle Produktionen wie Manga und Anime dar. Oft bemerken Personen, die es wagen Japanisch zu lernen, nach kurzer Zeit, dass sich die Sprache in den von ihnen konsumierten Medien stark vom Lehrbuchjapanisch unterscheidet. 

Der Grund für die teilweise starken Unterschiede liegt im Konzept der ‚Rollensprache‘, die Sprachstile zusammenfasst, welche klare Assoziationen zu Merkmalen eines Manga oder Anime Charakters zulassen. Dabei gibt es einige prototypische Sprachstile, die beispielsweise als ‚typisch männlich‘ oder ‚typisch weiblich‘ wahrgenommen werden. Darauf aufbauend gibt es differenziertere Sprachstile, die zusätzlich zum Geschlecht auch Auskünfte über sozialen Stand oder Alter eines Charakters geben können. Gleichzeitig lassen sich auf Grund gewisser äußerlicher Merkmale auch Aussagen darüber treffen, wie ein Charakter am ehesten spricht. Das unausgesprochene Verständnis über die Rollensprache unter Muttersprachler*innen, die selbst Manga und Anime konsumieren, ist jedoch nicht aus der Luft gegriffen. Der Großteil der Konzepte, auf denen sie aufbaut, sind Abwandlungen von und Anlehnungen an historische Sprachstile. 

Das soll aber nicht heißen, dass die Rollensprache ‚nur‘ eine Ansammlung historischer Sprachstile ist. Vielmehr ist sie eine künstliche und kunstschaffende Evolution dieser Sprachstile. Da die meisten Muttersprachler*innen der japanischen Sprache, kein Verständnis für das Konzept der Rollensprache haben, sondern lediglich wissen, dass niemand in der Realität so spricht, kommt die Rollensprache in den meisten Unterrichtsumgebungen, wenn sie überhaupt erwähnt wird, viel zu kurz. Das Wissen über sie ist aber auch ein weiterer wichtiger Beitrag zum besseren Verständnis der japanischen Popkultur. 

Der Beitrag gibt eine Zusammenfassung über die historische Entwicklung der Rollensprache und soll mit multimedialen Inhalten vor allem Lernenden der japanischen Sprache das Konzept der Rollensprache näherbringen und auf einfache Art und Weise erklären.

Japanische Baseball-Trainer im Anime: was erzählen sie uns von Japan?

Populärkultur ist kein Kinderkram, sondern ein Spiegel der Gesellschaft. Anime, Manga und Videospiele reflektieren soziokulturelle Aspekte und Diskurse. Setzt man sich also mit der Darstellung und den dahinterliegenden Konzepten auseinander gibt es in Anime so einiges zu entdecken. Ich habe die Trainer des Baseball-Anime Ace of the Diamond genau unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass Aufopferungsbereitschaft, die ja den Samurai nachgesagt wird, immer noch hoch im Kurs steht. Bushido, Baseball und das japanische Schulsportsystem – sie alle kommen im ‚Schmelztiegel‘ Sportanime zusammen und verraten dabei so einiges über die japanische Gesellschaft.

Was haben Bushido, Baseball, Schullehrer und Anime gemeinsam? Beim Begriff Bushido (auf Japanisch bushidō, übersetzt der „Weg des Kriegers“) denken wir zuallererst an Samurai. Die Ideologie des Bushido ist im Westen vor allem durch das gleichnamige Buch von Nitobe Inazō bekannt geworden. Ihm zufolge verkörpert der Samurai Werte wie Loyalität, Aufopferungsbereitschaft und bedingungslose Hingabe. Obwohl es sich dabei um eine romantisch-verklärte Darstellung der damaligen Kriegerelite handelt, hat dieses Bild sowohl im Westen als auch in Japan Fuß gefasst und wurde auch auf den Sport übertragen, insbesondere auf Baseball. Nicht umsonst heißt die japanische Baseball Nationalmannschaft „Samurai Japan“. Aber wie kam es dazu?

Baseball, das heute als japanischer Nationalsport gilt wurde 1872/73, nach der Landesöffnung in der Meiji-Zeit, von amerikanischen Lehrkräften nach Japan gebracht und an den damaligen Eliteschulen gespielt. Die Jugendlichen, die dort zur Schule gingen, waren Nachfahren ehemaliger Samurai und übertrugen deren Ideologie auf ihr Baseball-Spiel. Die Ausübung dieses Sports wurde dadurch mit diesen ‚traditionellen‘ Werten versehen. Im Laufe der Zeit formten sich aus den Sportclubs der Eliteschulen die heutigen extracurriculären Schulsportclubs (undō bukatsudō); die Werte der Samurai blieben in ihnen erhalten. Undō bukatsudō ist ein Konzept der Sportausübung, das es in Österreich so nicht gibt, denn diese Sportclubs sind keine privaten Vereine, sondern direkt an eine Schule gebunden. Das heißt, dass Trainings und Wettkämpfe an der jeweiligen Schule und zusätzlich zum regulären Sportunterricht stattfinden. Das Training wird jedoch häufig nicht von, speziell ausgebildeten Trainer*innen durchgeführt, sondern von engagierten Lehrkräften organisiert. Dabei geht es in diesen Schulsportclubs nicht nur um die Ausübung des Sports, sondern um ein „Lernen fürs Leben“. Die Betreuer*innen der bukatsudō sind somit auch „Lebenstrainer“, da sie den jungen Sportler*innen Verantwortungsbewusstsein, Anstand und andere für das Erwachsenenleben wichtige moralische Werte mit auf den Weg geben.

Auch die Trainer*innen, die in Sportanime dargestellt werden, vermitteln durch ihre Charakterzüge und durch ihr Verhalten bestimmte gesellschaftliche Werte. Diese sind allerdings nicht nur an die Sportler*innen in der fiktiven Animewelt gerichtet, sondern auch an die jugendlichen Zuseher*innen. Sieht man sich die Darstellung der Figuren und ihr Verhalten genauer an, und bezieht dabei auch die dahinter liegenden kulturellen Aspekte mit ein, verrät ein Anime so einiges über die japanische Kultur, Gesellschaft und deren Wandel.

Interessant ist, dass Baseball in den Sportanime die am häufigsten dargestellte Sportart ist; der Anime Ace of the Diamond ist einer davon. In meiner Bachelor-Arbeit habe ich die zehn darin vorkommenden Trainer genau unter die Lupe genommen und dabei herausgefunden, wie eng Bushido, Baseball und Schulsport zusammenhängen und was das über japanische Normen und Werte und deren Wandel aussagt. 

Skispringen im Wandel – Von Kasai bis Kobayashi

Der Sport bringt immer wieder herausstechende Persönlichkeiten hervor, wie etwa die zwei japanischen Skispringer Kasai Noriaki und Kobayashi Ryōyū. Kasai hatte in den 80er Jahren sein Weltcup Debüt. Eine Zeit, in der das Skispringen noch ganz anders war. Bis heute trainiert der Publikumsliebling, unter anderem mit Kobayashi. Dieser zeichnet sich vor allem durch seine sportlichen Erfolge aus. Dank Kobayashi steht dem gesamten Skisprungsport eine vielversprechende Zukunft bevor. Kasais große Beliebtheit konnte im Zuge einer Analyse von Artikeln verschiedenster Nachrichtenplattformen ermittelt werden. Ein weiterer Aspekt, der sich nebenbei abzeichnete, ist, dass zukünftig Kobayashi im Mittelpunkt des Sportes sowie den Medien stehen könnte.

Brillante Leistungen, Alleinstellungsmerkmale, oder eine sehr lang andauernde Karriere – so machen sich Profisportler*innen meist einen Namen. Diese drei Eigenschaften treffen auf den japanischen Skispringer Kasai Noriaki zu. Der 1972 geborene Athlet war rund 30 Jahre als Skispringer international aktiv. Seine Omnipräsenz im Skisprungsport, nicht zuletzt auch sein sympathisches Auftreten, machten aus Kasai über die Jahre einen Publikumsliebling. Dabei hat er nicht nur Fans in den eigenen Reihen. Bei einer guten Platzierung freuen sich alle anderen Springer*innen, Trainer*innen und Zuschauer*innen mit ihm. Während seiner Laufbahn hat er nicht nur an etlichen Wettbewerben teilgenommen und viele gute Sprünge vollzogen, sondern auch Kameraden kommen und gehen sehen. Als Kasai bereits Ende der 80er im Weltcup sprang, wurde der heutzutage selbstverständliche Sprungstil, bei dem die Skier während des Fluges ein V formen, noch nicht von jedem Springer umgesetzt. 

Doch nicht nur die Techniken der Athleten, sondern auch deren Ausrüstungen und Sprungweiten, die Schanzen von denen gesprungen wird, die Einführung eines Weltcups für Frauen, sowie die Aufmerksamkeit und Berichterstattung der Medien, haben sich seit dem Karrierebeginn von Kasai stark verändert. Seine Laufbahn stellt quasi eine Brücke zwischen dem alten und modernen Skispringen da.

Während Kasai drei Jahre in Folge nicht für den Weltcup aufgestellt wurde, gibt es jüngst einen anderen Sportler des japanischen Kaders, der in aller Munde ist. Kobayashi Ryōyū ist auch wegen seiner herausragenden Leistungen bekannt. Gute Platzierungen und Siege erlangte er bei Wettbewerben wie der Vierschanzentournee, den olympischen Winterspielen, oder dem Gesamtweltcup. Manche dieser Platzierungen und Leistungen, die der 25-jährige innerhalb von sechs Jahren erreichte, kann selbst Kasai nach seiner (bisherigen) Laufbahn nicht vorzeigen.  Doch dessen Beharrlichkeit beim Springen und seine Fähigkeit mit Springer*innen mithalten zu können, die halb so alt sind wie er selbst, zeichnen ihn aus. Da die Beiden im selben Verein sind und zusammen trainieren, profitieren sie von den Stärken des jeweils anderen.

Das Ziel der Forschung war es herauszufinden, wie der Skispringer Kasai Noriaki in medialer Berichterstattung dargestellt wird. Konkret wurden dabei westliche Medien untersucht, vor allem deutschsprachige Nachrichtenplattformen wie „Der Standard“, „Skispringen.com“, oder „Neue Züricher Zeitung“. Im Zuge der Arbeit konnte festgestellt werden, dass Kasai fast ausnahmslos positiv wahrgenommen wird, unabhängig vom Ursprung eines Beitrags, oder der momentanen Leistung des Sportlers. Während der Recherche hatte sich ein interessanter Zusammenhang aufgezeigt, der nicht Teil der Forschungsfrage selbst war. Der Generationenwechsel der letzten Jahre positioniert Kobayashi nun in einer ähnlichen Stellung, wie sie Kasai einst innehatte – nämlich als den bekanntesten japanischen Skispringer.

Wie sich Kobayashi und der Sport des Skispringens in Zukunft noch entwickeln werden, steht in den Sternen. Grundlegende Änderungen in der Sportart, wie sie in der Vergangenheit immer wieder geschahen, wird es in der näheren Zukunft wohl nicht geben. Doch wenn die letzten 30 Jahre uns eines gezeigt haben, dann, dass das Skispringen immer weiter gehen wird.

Bulimie im Anime „18if“ – Essstörungen in Japan

Essstörungen gelten als eine der gravierendsten mentalen Erkrankungen mit den höchsten Sterberaten. Besonders die Bulimie („Ess-Brech-Sucht“) birgt große Gefahren. Betroffene sind vor allem junge Frauen. Der Anime „18if“ versucht möglichst genau widerzuspiegeln, wie Bulimie für Erkrankte eine mentale und körperliche Belastung darstellt. So wird die Figur Airi das Hauptobjekt meiner Forschung und soll Parallelen zur realen Problematik in der japanischen Gesellschaft aufzeigen.

Die Bulimie (jap.: shinkeisei taishokushō) ist ein Wegbereiter für ein Dasein voller Angst, Depressionen und sozialer Abstinenz. Erkrankte wissen oftmals keinen Ausweg. Bulimie gilt nach wie vor als Tabuthema in Japan und kommt in der japanischen Populärkultur daher kaum vor.  Doch es gibt auch Ausnahmen: Wie ich in einer wissenschaftlichen Arbeit aufzeigen konnte, kommt das Thema in einem Beispiel vor, im japanischen Anime „18if“ des Animationsstudios GONZO. Dieser nimmt sich vieler, verschiedenster gesellschaftlicher Problematiken an (Depression, Mobbing, etc.) und visualisiert diese jeweils in einer Episode. Mittels Filmanalyse wurden zunächst zwei aussagekräftige Szenen objektiv festgehalten. Dann habe ich durch eine tiefgründige Analyse versucht, versteckte Botschaften zu entdecken.

Eine Szene widmete sich hierbei konkret der Figur Airi – Protagonistin ist eine weibliche Bulimikerin. Aufgrund der Bemängelung ihres Ex-Freundes, dass sie nicht dünn genug sei, entwickelt Airi ein kritisches Selbstbild. Trotz ihrer schlanken Figur sieht sie sich selbst als ungenügend grazil und ertränkt ihren Kummer in ausgearteten Essattacken: Ein leergeräumter Kühlschrank mit Massen an Verpackungen am Boden zu nächtlicher Stunde und tausende Kalorien verschlungen innerhalb eines kurzen Zeitraums. Und dann, die „Reinigung“. Als Versuch, durch die aufgenommene Kalorienzufuhr nicht zuzunehmen, wird kurzerhand durch einen Finger im Hals der Brechreiz ausgelöst und das Geschehene im Badezimmer ungeschehen gemacht. Im Film wird Airi mit Tränen in den Augen in einem schlecht beleuchteten Raum dargestellt. Melancholische Klavierklänge untermalen zudem ihren mental schlechten Zustand. 

Im Gegensatz dazu wird Airi in der zweiten Szene als „Hexe der Völlerei“ in Form eines kunterbunt angezogenen Kleinkindes gezeigt. Ihre Traumwelt in ebenfalls farbenfrohem Design ist voll von Essen und kalorienreichen Speisen. Mit einem Lächeln im Gesicht erfreut sie sich der Tatsache, dass sie essen kann, was sie will – eine Andeutung auf ihre Kindheit, wo sie unbesorgt die Gerichte ihrer Großmutter genoss. In Erinnerung an die zuvor beschriebene Szene verzieht sich jedoch ihr froher Blick zu einem ausdruckslosen Starren. Nun scheint sich Airi nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee sei zu essen, was man will. Daraufhin geht die verspielte Hintergrundmusik in eine dramatische Musik über und die Welt wird durch ein Erdbeben erschüttert.

Die Parallelen zu japanischen Bulimikerinnen im realen Kontext (beschrieben in wissenschaftlicher Sekundärliteratur) sind eindeutig: Der Wunsch, einen kindlichen Körper beibehalten zu können (um die sorgenlose Vergangenheit zu rekonstruieren), die Fetischierung junger Frauen mit kindlich-jugendlichem Körper in der Gesellschaft; die Vorgabe, nicht zu viel zu essen und so die Schlemmerei im Geheimen abhalten zu müssen, etc. Bulimie generell findet hier besonderen Ausdruck durch die typische kalorienreiche Essensaufnahme und die häufig angewandte Form der „Wiedergutmachung“ durch Erbrechen. 

Als Ergebnis dieser Forschung konnte ich feststellen, dass es der nur ca. 24 Minuten dauernden Episode gut gelungen ist, das japanische Leidensbild von Bulimikerinnen ziemlich genau wiederzugeben.  Der Anime ist somit ein Beispiel dafür, dem Publikum dieses heikle Thema einfühlsam, aber ohne zu kaschieren näherzubringen. 

Minamiaso auf Youtube – Tourismusoffensive zur Belebung einer ländlichen Region

Ländliche Gebiete in Japan sind zunehmend von negativen Entwicklungen wie hohe Überalterungsraten und abnehmende Bevölkerungszahlen betroffen. Die Gemeinde Minamiaso in der Präfektur Kumamoto setzt unter anderem auf Youtube-Videos, um den Ort als attraktives Reiseziel zu bewerben. Wie dieses Reiseziel in diesen Videos präsentiert wird, war Gegenstand meiner Untersuchung: So entsteht aus dem Ort Minamiaso eine Marke, die neben einer reichhaltigen Naturlandschaft und wohltuendem Wasser auch einen Ausgleich zum hektischen Stadtleben bietet. Als touristisches Reiseziel spricht Minamiaso durch individuelle Schwerpunkte eine breite Zielgruppe an und setzt gleichermaßen auf Kooperationen mit regionalen als auch mit überregional bekannten Marken.

Ländliche Gebiete in Japan erfahren zunehmend Negativentwicklungen wie hohe Überalterungsraten und abnehmende Bevölkerungszahlen. Unter dem Schlagwort kankō chiiki zukuri („Tourismus-Regionalentwicklung“) forciert die japanische Regierung Maßnahmen, um diesen sozioökonomischen Rückgang mit Hilfe von touristischer Vermarktung zu bekämpfen. Die Umsetzung ist dabei den lokalen Behörden überlassen. So wird in der auf der Insel Kyūshū gelegenen Gemeinde Minamiaso, Präfektur Kumamoto, unter anderem auf die Videoplattform „Youtube“ zurückgegriffen. Die lokale Tourismusbehörde (Minamiaso Kankō-Kyoku) setzt auf diese multimediale Darstellung, um den Ort als attraktives Reiseziel zu bewerben. Eine Darstellung, die ich im Zuge meiner Forschung genauer betrachtet habe: Kurzerhand wird hier aus einer ländlichen Gemeinde eine Marke – im wissenschaftlichen Diskurs auch als place branding bezeichnet –, die (japanische) Tourist*innen von nah und fern zu sich einlädt. 

Gelegen in der Caldera des berühmten Aso-Vulkans, überzeugt Minamiaso durch seine reichhaltige Naturlandschaft – von groß angelegten Weideflächen, über kleine, versteckte Quellen hinweg bis hin zum pompösen Vulkankrater lädt der Ort an jeder Ecke zum Innehalten und Staunen ein. Egal ob im Rahmen eines Besuches in einem der onsen (Thermalbäder) oder während einer Radtour entlang kleiner Bäche, auch die Erholung durch das wohltuende Wasser ist in dieser Videodarstellung omnipräsent und unterstreicht den langsamen Lebensstil, der als Ausgleich zum hektischen Stadtleben für die Marke „Minamiaso“ ebenso charakteristisch ist. Minamiaso spricht durch seine Vielfalt an individuell wählbaren Schwerpunkten eine breite Zielgruppe an und setzt gleichermaßen auf Kooperationen mit regionalen Marken wie dem lokalen kakigoori (mit Sirup übergossenes, geraspeltes Eis) als auch mit überregional bekannten Marken wie „Kumamon“, dem Maskottchen der Präfektur schlechthin.

Skip to content