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Partizipative Projekte aus dem Bereich der Japanologie

Kitsune-tsuki: Zwischen Volksglauben und psychischer Krankheit

Geister, Dämonen und spirituelle Wesen – im japanischen Volksglauben spielen diese Erscheinungen, welche weitläufig als yōkai bekannt sind, eine wesentliche Rolle. Kitsune-tsuki oder auch Fuchsbesessenheit ist eines von vielen Phänomenen und lässt sich in literarischen Werken bis in das 8. Jahrhundert zurückverfolgen. Doch wurde dieses Phänomen nicht immer nur als Volksglaube wahrgenommen und sollte später auch mit psychischer Erkrankung in Verbindung gebracht werden.

Auch heute noch haben yōkai (jap. 妖怪) eine hohe Bedeutsamkeit in der Kultur Japans. Besonders gut erkennen lässt sich dies in Werken der japanischen Populärkultur, wie unter anderem Anime und Manga. Die Herkunft verschiedenster yōkai ist häufig mit Legenden verbunden und ihre Anzahl und Vielfältigkeit im japanischen Volksglauben ist ausgesprochen groß. Auch die Verbindung mit Religion ist nicht ungewöhnlich, im Gegenteil, häufig sogar eng mit deren Ursprung verknüpft. Durch ihre Geschichten, Berichte und künstlerische Darstellungen, wie etwa Bilder, können durch sie Interpretationen und wichtige Verknüpfungen zur Kultur Japans in bestimmten Perioden hergeleitet werden.

Einer von vielen yōkai sind kitsune (jap. 狐), was eigentlich Fuchs bedeutet, aber in diesem bestimmten Zusammenhang vielmehr mit Fuchsgeistern übersetzt werden kann. Diese Fuchsgeister sind häufig dafür bekannt, Besitz von Menschen zu ergreifen. Dieses Phänomen wird kitsunetsuki genannt. Das Zeichen für tsuki (jap. 憑) bedeutet so viel wie „beherrschen“ und wird im Kontext von Besessenheit verwendet. Im japanischen Volksglauben gibt es jedoch nicht nur Füchse, welche Besitz von Menschen ergreifen, sondern beispielsweise auch tanuki (Marderhunde).

In der Forschungsarbeit wurden verschiedene historische Texte, Legenden und Berichte zu kitsunetsuki analysiert. Bereits im japanischen Altertum (4. Jh.–12. Jh.) lassen sich Texte mit Bezug auf kitsunetsuki finden, wie beispielsweise im außerordentlich bekannten Genji monogatari, welches von Murasaki Shikibu geschrieben wurde. Rache, Gerechtigkeit oder auch Wiedergeburt stehen oftmals im Vordergrund der (traditionellen) Geschichten und Legenden rund um das Phänomen. Im japanischen Mittelalter (12. Jh.–16. Jh.) kamen zudem darstellende Künste wie nōh und kyōgen hinzu, welche kitsunetsuki in ihre Aufführungsstücke mit einbezogen. Weiters fanden kitsune in der japanischen Neuzeit (16. Jh.–19. Jh.) im Inari-Glauben an besonders hohe Bedeutung.

Einen sichtbaren Umschwung der Sichtweise von kitsunetsuki als reinem Volksglauben gab es jedoch vermehrt in der späten Edo-Zeit. Zwar gab es Ansätze von kitsunetsuki als „Krankheit“ bereits im japanischen Altertum, jedoch wurde das Phänomen zur späten Edo-Zeit vermehrt aus dem Standpunkt der Psychiatrie betrachtet und folglich mit psychischer Krankheit in Verbindung gebracht.

Vegane Ramen in Wien – die neue Vielfalt

Wiens Ramen-Szene und der Veganismus

Für die Gastronom*innen der Wiener Ramen-Szene haben vegane Varianten der japanischen Nudelsuppe unterschiedliche Bedeutungen, vor allem in Bezug zur Authentizität des Gerichtes. Sie agieren im Spannungsfeld zwischen traditionellen Ernährungsweisen und aktuellen Entwicklungen in der veganen Ernährung und reagieren mit unterschiedlichen Strategien auf diese Veränderungen. Dabei wirken neben der kulinarischen und kulturellen Identität der Gastronom*innen sowohl der persönliche als auch berufliche Werdegang auf ihr Handeln ein und beeinflussen ihre Wahrnehmung davon, was als authentisch japanisch betrachtet werden kann. Die Bereitschaft der Restaurantinhaber*innen auf die Bedürfnisse ihrer Kunden einzugehen ist dabei in hohem Maße über ihren persönlichen Zugang zum Veganismus bestimmt.
Slurp it vegan – Algen, Pilze und Tofu für Umweltschutz und Tierwohl

Ramen ist eines der beliebtesten Gerichte der japanischen Küche und wird in unzähligen Varianten angeboten. Die Nudelsuppe besteht aus drei Komponenten, den Nudeln (men), der Suppenbrühe (shiru) und der Würzsoße (tare). Sie fand ihren Weg über chinesische Einwanderer nach Japan die als Köche in Restaurants der Hafenstadt Yokohama arbeiteten und die wachsende internationale Klientel bedienten. Dieser Umstand lässt sich bis in die 1880er Jahre zurückverfolgen wobei die Assimilierung des Gerichtes in den 1910er Jahren begann und japanische Ramen-Varianten hervorbrachte, die bis dahin nicht verwendete Zutaten nutzten. In Anbetracht dieser besonderen Historie ist das Gericht in höchstem Maße durch Appropriation und Mobilität geprägt.

Die Anpassung ethnischer Landesküchen an den Geschmack lokaler Kunden ist ein langjähriges Phänomen, das rund um den Globus zu beobachten ist und das Konzept der Authentizität spielt hierbei eine wichtige Rolle. Ramen ist ein traditionell fleischhaltiges Gericht, das jedoch zunehmend ihr vegetarisches oder veganes Pendant findet. In Österreich veranlassen die negativen Auswirkungen des Fleischkonsums immer mehr Menschen dazu sich flexitarisch, vegetarisch oder vegan zu ernähren und den Fleischkonsum so weit wie möglich zu reduzieren. Diese Entwicklung verändert das gastronomische Angebot und macht auch vor der japanischen Küche nicht halt.

Vegane Ramen-Varianten dienen dabei nicht nur als Träger von persönlichen Werten und Idealen, sondern auch als Ausdruck der kulturellen Identität seiner Produzent*innen. Dabei wird kulinarische Authentizität von den Gastronom*innen nicht nur als ökonomischer Marker konstruiert, sondern hat auch eine emotionale Ebene, die sowohl subjektive als auch objektivierte Elemente beinhalten kann und auf unterschiedliche Weise die Vorstellungen, Standards und Prioritäten der Gastronom*innen in Bezug auf die japanische Küche beeinflusst. Nach einem Modell der Berliner Japanologin Cornelia Reiher lassen sich die Gastronom*innen anhand dieser Faktoren in die drei Kategorien personal, fusion und as a profession zuordnen. In der Wiener Ramen-Szene lassen sich so zwei unterschiedliche Strategien zur Handhabung der veganen Ernährungsweise identifizieren. Zum einen ein integrativer Ansatz der die veränderten Ernährungsgewohnheiten der Menschen in das Restaurant-Konzept als Ganzes aufnimmt und zum anderen ein Ansatz, welcher ebendiese als von dem restlichen Angebot getrennt betrachtet.

Da in allen untersuchten Ramen-Bars vegane Alternativen angeboten werden, kann man diese Entwicklung als lokale Anpassung der japanischen Küche in der Ramen-Szene Wiens betrachten. Diese Marktanpassung hat in Wien eine ungeahnte Vielfalt veganer Ramen-Varianten hervorgebracht, die je nach Kategorie über den persönlichen Geschmack des Koches und seines Teams oder über original japanische Rezepturen legitimiert werden. Auf diese Weise wandelt sich die Wahrnehmung dessen, was in Bezug zu veganen Alternativen als authentisch japanisch betrachtet wird. Trotz der wachsenden Bedeutung der veganen Bewegung in Japan, scheint die vegane Ernährungsweise von den Befragten jedoch als westlicher Trend wahrgenommen zu werden. Der offene Umgang der Gastronom*innen mit dem Konzept des Veganismus lässt jedoch darauf schließen, dass die vegane Ernährungsweise die Wiener-Szene nachhaltig beeinflusst, auch wenn unter den Gastronom*innen kein Konsens über dessen Beitrag zum Umweltschutz bzw. einer klimafreundlichen Ernährung besteht.

Das japanische Kaffeehaus: Ein Ort des Wohlbefindens?

Kann das (japanische) Kaffeehaus als Ort  das Wohlbefinden der Menschen beeinflussen? Viele Leute, allen voran die Wiener*innen, würden diese Frage wohl, ohne zu zögern, bejahen. Tatsächlich gibt es zu dem Thema bisher erstaunlich wenig Forschung, dabei gibt es durchaus wissenschaftliche Ansätze dafür. Dazu muss zunächst das Kaffeehaus in all seiner Vielfalt als ein Ort definiert werden. Das Konzept des relational well-being besagt, dass Ort, Zeit und kulturelles Umfeld Einfluss auf das Wohlbefinden haben können. So auch auf das japanische Wohlbefindens Konzept ikigai oder auch “life worth living”. Laut diesem von mir herausgearbeiteten Forschungsansatz kann man also den Sinn des Lebens durchaus im Kaffeehaus finden.

Kann das (japanische) Kaffeehaus als Ort das Wohlbefinden der Menschen beeinflussen? Viele Leute, allen voran die Wiener*innen, würden diese Frage wohl, ohne zu zögern, bejahen. Tatsächlich gibt es zu dem Thema bisher erstaunlich wenig Forschung, dabei gäbe es durchaus wissenschaftliche Ansätze dafür. Einer wird hier genauer betrachtet. 

Wie auch in Wien hat das japanische Kaffeehaus viele Facetten, das klassische kissaten, die einheitlichen Coffee-Shop-Ketten, das gemütliche Katzencafé, die angesagten Specialty-Coffee-Shops oder auch die zahlreichen nerdigen Themen-Cafés. Alles sehr verschiedene Orte, die für verschiedene Menschen verschiedene Funktionen erfüllen. Auf den ersten Blick mag dies die unterschiedlichen Arten des Kaffeehauses voneinander trennen, bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass all diese Funktionen der Kaffeehäuser untrennbar miteinander verflochten sind. 

Manche Leute gehen für ein erstes Date vielleicht gerne in das unauffällige kissa unten an der Ecke, andere vielleicht ins Sailor-Moon und wieder andere wollen vielleicht mit einem Besuch in einem angesagten Indi-Coffee-Shop punkten. Manche Studenten vergraben sich zum Lernen am liebsten anonym in der Ecke eines großen Ketten Coffee-Shops, andere bevorzugen vielleicht die Gesellschaft von flauschigen Katzen. Keine dieser vielen Formen des japanischen Kaffeehauses hat eine einzige klar definierbare Funktion, weshalb es nur sinnvoll ist, alle miteinander als eine Einheit zu betrachten. 

Um diese Einheit des japanischen Kaffeehauses nun als Faktor im Wohlbefinden der Menschen zu betrachten, reicht es, durch die richtige Linse zu schauen. In diesem Fall ist diese Linse relational well-being. Das Konzept des relational well-being besagt, dass Ort, Zeit und kulturelles Umfeld Einfluss auf das Wohlbefinden haben. Darüber hinaus sollten unter relational well-being auch immer das lokale Verständnis von Wohlbefinden in Betracht gezogen werden. Was hier das japanische Wohlbefindens Konzept ikigai als Messlatte für das Wohlbefinden im Kaffeehaus ins Spiel bringt. Ikigai wird im Englischen oft übersetzt mit “Life worth living”. Im Deutschen wird es oft mit dem Gefühl der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens gleichgesetzt. Diese sehr allumfassenden Definitionen von ikigai übersehen oft, dass ikigai nicht nur eine statische Empfindung ist, die man entweder hat oder nicht, sondern ein facettenreiches Gefühl, das durch verschiedene Faktoren beeinflusst und aktiv erlebt werden kann. 

Dieses Erleben von ikigai wird als ikigai keiken bezeichnet und ist eine noch sehr neue Konzeption von ikigai. Sie wurde 2020 erstmals von den Freizeit-Forschern Shintaro Kono und Gordon J. Walker definiert. Kono und Walker definieren vier Komponenten von ikigai keiken: tanoshimi also Vergnügen (im Englischen als „enjoyment“ übersetzt), ganbari (Anstrengung oder „effort“), shigeki (Anregung oder „stimulation“) und iyashi (Entspannung oder „comfort“), die die Erfahrung des Gefühls von ikigai fördern können. Wenn man diese vier Komponenten genauer betrachtet, lassen sich schnell Verbindungen zu Erfahrungen, die intrinsisch mit einem Kaffeehausbesuch verbunden sind, herstellen. 

Und so beantwortet sich die zu Anfang gestellte Frage: “Kann das (japanische) Kaffeehaus als Ort das Wohlbefinden der Menschen beeinflussen?”. Ja kann es! (zumindest theoretisch)

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